Benkowitz/Köhler/Lehnert
Auswertung des Landeswettbewerbs 2007/2008
Schulgarten und Schulumfeld – Gärtnern macht Schule*
Einblick in die Vielfalt der Möglichkeiten
*ausgelobt durch das Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum sowie das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg
Die Auswertung des Schulgartenwettbewerbs 2007/2008 bietet eine aktuelle Übersicht über die Schulgartenaktivitäten in Baden-Württemberg. Zahlen und graphische Darstellungen zur Vielfalt der Schulgärten und der Schulgartenelemente und zu bestehenden Kooperationen der Schulen sind in einer Powerpoint-Präsentation zusammengestellt, die im Rahmen des 6. Baden-Württembergischen Forum Gärtnern macht Schule: Global denken – lokal gärtnern! Kompetenzerwerb in Schulgärten am 07. Mai 2009 im Bürgerhaus Rot in Stuttgart vorgestellt wurde. Darüber hinaus werden exemplarisch Beispiele aus der schulischen Praxis und die vielfältigen Lernmöglichkeiten im Schulgarten aufgezeigt.
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Benkowitz/Köhler/Lehnert
Biodiversität wahrnehmen - Kompetenzerwerb durch Schulgartenarbeit
Theoretischer Hintergrund/Vorarbeiten
Biodiversität ist für den Menschen aus ökologischen, ethischen und ökonomischen Gründen existentiell. Auf der Rio - Konferenz für Umwelt und Entwicklung wurde 1992 das Übereinkommen zum Erhalt der Biodiversität (CBD) beschlossen. Trotzdem wird ein zunehmender Verlust an Wahrnehmungsfähigkeit für biologische Formenvielfalt, insbesondere pflanzliche Vielfalt, beklagt (vgl. Hesse 2002, Wandersee / Schussler 2001). Die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt betont die Notwendigkeit der Einbeziehung des Themas in das Bildungssystem, um das Bewusstsein für biologische Vielfalt schon im Kindes- und Jugendalter zu fördern (vgl. BMU 2005, Radkowitsch / Lehnert 2005).
Eine von uns in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd 2004/2005 durchgeführte landesweite Erhebung hat ergeben, dass in Baden-Württemberg ein erhebliches Potential für das Kennenlernen und die Auseinandersetzung mit der pflanzlichen Vielfalt durch Schülerinnen und Schüler im Rahmen der Schulgartenarbeit besteht. Annähernd 40% aller allgemeinbildenden Schulen verfügen über entsprechende Einrichtungen auf ihrem Schulgelände (vgl. Lehnert/Köhler 2005).
Da bisher die Wirkung von Schulgartenarbeit als ein möglicher und weit entwickelter Zugang zu pflanzlicher (und auch tierlicher) Vielfalt nur aus Praxiserfahrungen heraus beurteilt werden kann und empirische Untersuchungen hierzu bisher nicht existieren, führt die Abteilung Hochschulgarten derzeit ein Forschungsprojekt zu dieser Thematik durch.
Fragestellungen/Hypothesen
Ausgehend von der Hypothese, dass Schulgartenarbeit die Entwicklung der Wahrnehmung und Wertschätzung von pflanzlicher Biodiversität im Sinne der Biodiversitätskonvention fördert, werden Quer- und Längsschnittstudien durchgeführt:
- Untersuchung des Einflusses von Schulgartenarbeit auf die Wahrnehmungsfähigkeit und Wertschätzung von Grundschulkindern für pflanzliche Biodiversität,
- Untersuchung der Entwicklung von Konzepten zu Wachstum und Entwicklung von Pflanzen im Zusammenhang mit authentischen, situierten Lernerfahrungen im Rahmen von Schulgartenarbeit.
Methodik
Mit Leitfadeninterviews (Vor- und Nachtest) wurden bzw. werden Erstklässler aus Klassen mit und ohne Schulgartenerfahrung (n=150) in Stadt und Land befragt. Als Methoden werden das "Wiesenexperiment" (Lindemann-Matthies 2002), Interviewstudien (Heinzel 2000) , Conceptmapping-Verfahren (Hellden 2002, Fisher u.a. 2001) und ergänzende Untersuchungen durchgeführt, z.B. zum Ordnen von Pflanzen. Lehrkräfte und Eltern werden begleitend befragt (Benkowitz 2007, in Druck).
Ergebnisse
Erste Ergebnisse aus Vorstudien (Querschnittsstudien) liegen vor (vgl. Hagenmüller 2006, Gehm 2006):
- Die Formenkenntnis bei Grundschulkindern ist, ähnlich wie die bei Jugendlichen und Erwachsenen, grundsätzlich nur gering ausgeprägt.
- Beim eingehenden Betrachten von Modellflächen (Wiesen mit definierten Artenzahlen) werden, von Kindern ähnlich wie von Erwachsenen, artenarme Lebensgemeinschaften hinsichtlich ihrer Artenzahl regelmäßig überschätzt, artenreiche Flächen unterschätzt. Das heißt, in der Regel wird ein "Einheitsgrün" nicht klar definierter Artenzahl wahrgenommen. Diese Einschätzung wird auch durch Untersuchungen aus der Schweiz (Lindemann-Matthies 2002, Junge 2004 und Kirchhein 2004) sowie aus den USA gestützt (vgl. Wandersee/Schussler 2001).
- Trotzdem werden subjektiv artenreiche Flächen in der Regel als "schöner" eingeschätzt, also ästhetisch höher bewertet.
- Kinder mit Schulgartenerfahrungen liegen mit ihren Artenschätzungen realistischer als Kinder mit nur regulärer Unterrichtserfahrung.
- Kinder mit Schulgartenerfahrung können mehr Pflanzen korrekt einordnen bzw. benennen.
- Kinder mit Schulgartenerfahrungen verwenden differenziertere Kriterien, um Pflanzenarten voneinander zu unterscheiden.
Literatur:
Benkowitz, Dorothee (2007): Biodiversität wahrnehmen-Kompetenzförderung durch Schulgartenarbeit, in Druck.
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (2005): Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt. BMU, Berlin.
UNEP (2000): Convention of Biological Diversity - Sustaining Life on Earth. http://www.cbd.int/doc/publications/cbd-sustain-en.pdf, eingesehen am 11.09.2007
Fisher, Kathleen; Wandersee, James; Moody, David (2001): Mapping Biology Knowledge. Kluwer Academic Publ., Dordrecht.
Gehm, Hanne (2006): Wahrnehmung und Wertschätzung pflanzlicher Formenvielfalt durch Grundschulkinder (ohne Schulgartenerfahrung). Wissenschaftliche Hausarbeit an der Päd. Hochschule Karlsruhe, unveröffentlicht.
Hagenmüller, Jessica (2006): Wahrnehmung und Wertschätzung pflanzlicher Biodiversität durch Kinder im Grundschulalter mit Schulgartenerfahrung. Wissenschaftliche Hausarbeit an der Päd. Hochschule Karlsruhe, unveröffentlicht.
Hellden, Gustav (2002): A longitudinal study on development of children´s ideas about transformation of matter in different contexts. http://wwwcsi.unian.it/educa/ricerca/hellden.html, eingesehen am 11.09.2007
Hesse, Herrmann (2002): Eine neue Methode zur Überprüfung von Artenkenntnissen bei Schülern. Frühblüher: Benennen - Selbsteinschätzen - Wiedererkennen. ZfDN, Band 8. IPN, Kiel: S. 53-66.
Junge, Xenia (2004): Wahrnehmung und Wertschätzung von pflanzlicher Vielfalt durch die Bevölkerung. Diplomarbeit, Philipps-Universität Marburg, unveröffentlicht.
Kirchhein, Jan (2004): Der Einfluss von Artenzusammensetzung und Artenidentität in Graslandschaften auf die Wahrnehmung und Bewertung von biologischer Vielfalt durch Kinder und Erwachsene. Staatsexamensarbeit, Philipps-Universität Marburg, unveröffenlicht.
Lehnert, Hans-Joachim; Köhler, Karlheinz (Hrsg., 2005): Schulgelände zum Leben und Lernen. Karlsruher pädagogische Studien Band 4. Books on Demand GmbH, Norderstedt.
Lindemann-Matthies, Petra (2002): Wahrnehmung biologischer Vielfalt im Siedlungsraum durch Schweizer Kinder. In: Klee, Rainer;Bayrhuber, Horst (Hrsg.): Lehr- und Lernforschung in der Biologiedidaktik. Band 1. Studien Verlag, Innsbruck: S. 117-130.
Radkowitsch, Annemarie; Lehnert, Hans-Joachim (2005): Biodiversität auf dem Schulgelände - Chance für Schüler und Unterricht. In: Lehnert, H.-J.; Köhler, K. (Hrsg.): Schulgelände zum Leben und Lernen. Karlsruher pädagogische Studien Band 4. Books on Demand GmbH, Norderstedt: 71-82.
Wandersee, James; Schussler, Elisabeth (2001): Towards a Theorie of Plant Blindness. Plant Science Bulletin. Vol 47 (1), Botanical Society of America, Columbus: 2-8.
Köhler/Lehnert/Zabler
Schulgärten in Baden-Württemberg
In Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd (Jeannette Alisch, Prof. Dr. F. Bay) wurde 2003 eine Erhebung zur Schulgartenarbeit in Baden-Württemberg durchgeführt.
Untersuchungen (NRW 1990, Schleswig-Holstein 2001/2002, Sachsen 2002) zeigten, dass Schulgärten nur mäßig in den Schulalltag einbezogen werden und zahlreiche Probleme ein erfolgreiches Schulgärtnern erschweren.
Die Fragen der empirischen Untersuchung lauteten:
- Wie ist die Schulgartensituation in Baden-Württemberg und wie verändert sie sich?
- Welche Bedeutung können der Schulgarten und das naturnah gestaltete Schulgelände für die Schulentwicklung haben?
- Wie sieht ein zukunftsfähiges, nachhaltiges Schulgartenkonzept aus?
Es zeigte sich, dass etwa 40 % aller Schulen in Baden-Württemberg einen Schulgarten oder ihr Schulgelände schulgärtnerisch nutzen. Eine weitere Zunahme lässt sich für die nächste Zeit voraussagen.
Die Ergebnisse zur Schulgartensituation in Baden-Württemberg sind veröffentlicht in:
- Schulgelände zum Leben und Lernen
- Herausgegeben von Hans-Joachim Lehnert und Karlheinz Köhler (2005)
- Karlsruher pädagogische Studien Band 4
- Books on Demand GmbH, Norderstedt
- ISBN 3-8334-3942-4
- 9,90 €, im Buchhandel
Weitere Literatur zum Thema:
Birkenbeil, H. (Hrsg.). (1999). Schulgärten. Stuttgart: Ulmer.
Hedewig, R. & Knoll, J. (Hrsg.). (1986). Biologieunterricht außerhalb des Schulgebäudes. Köln: Aulis.
Pappler, M. & Witt, R. (2001). Natur-Erlebnis-Räume. Seelze-Velber: Kallmeyer.
